Johanna hat immer gesagt, sie wartet auf mich.

Ich kann mich noch genau daran erinnern.

An unser letztes Wiedersehen, vor etwas mehr als einem halben Jahr.

In der Nacht vor unserem Treffen konnte ich nicht schlafen, Ewigkeiten wälzte ich mich in meinem Bett, las ein paar Seiten, konnte mich nicht konzentrieren und verwarf den Versuch. Als das Licht des neuen, anbrechenden Morgens das künstliche Licht meiner Lampe überflüssig machte schlief ich letztendlich doch noch einen kurzen unruhigen Schlaf.

Verschwitzt lag ich nach dem Erwachen in meinem Bett, die Strahlen der morgendlichen Sonne, die es durch mein kleines Fenster schafften, wärmten mich und mir schien es, als dachte ich das erste mal an sie.

„Um Zehn Uhr am Fischtorplatz.“ hat sie gesagt. „Und sei pünktlich!“

Nach einem Glas Milch brach ich auf. Hinaus in die Welt, zu ihr.

Ich erinnere mich noch an jeden Geruch, jedes Gesicht auf unserem Weg, jedes Bild, am stärksten erinnere ich mich jedoch an Johannas Gesichtsausdruck, als sie mich um die Ecke biegen sah. Sie sah so erstaunt aus. Neugierig und freundlich, gewiss aber auch ängstlich.

Wir umarmten und zögerlich, ich roch den vertrauten Geruch ihrer Haare, verbot mir aber darin zu versinken, und erblickte dankbar, wie über ihrer Schulter eine Ampel auf Grün schaltete.

Ich glaube wir gingen etwas weiter in Richtung Stadtmitte, das heißt, Sie ging vor, ich zog hinterher, die meiste Zeit an ihrer Hand, die meine fest umschloss. Wie wir so durch die Gassen liefen, und ich betete keinem Bekannten über den Weg zu laufen, kam ich mir wie ein Tourist vor. In der eigenen Stadt. Nach einer Weile kramte Johanna einen Fotoapparat hervor und ging, trotz meiner Widerworte auf einen nahestehenden Mann zu, um ihn zu bitten, ein Foto von uns zu machen. Sie machte auch einige Aufnahmen von mir, bat mich jedoch nie, sie vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Eine Weile achtete ich besonders auf die Fassaden der Häuser und entdeckte mir bisher nie aufgefallene Verzierungen, allein, um die bohrenden Blicken meiner Begleiterin nicht konstant zu kreuzen.

Die Hitze des Mittags legte sich schwer über uns, für einen Septembertag war es noch viel zu warm, und wir kehrten in eine der zahlreichen Weinstuben ein, um eine Kleinigkeit zu essen. Über unsere Teller gebeugt vergaßen wir, zum Schein, die Unterhaltung, man konnte ihr ansehen, dass sie nachdachte. Ich konnte ihr schon immer direkt ansehen, wenn sie dachte, und zwangsläufig musste ich mein Denken unterbrechen, um zu überlegen, ob mein Gesicht meine Gedanken verriet.

Ich war nie leicht durchschaubar, aber etwas an Johannas Blick hatte mich immer erschaudern lassen, als könne sie bis auf meinen Grund blicken. Ich kehrte zurück, zu alten Tagen, scheinbar besseren Tagen, besuchte längst umgegrabene Plätze, hing Gedanken an eine längst gelebte Zukunft nach und fühlte nichts als Reue. Ich erinnerte mich an einen vergangenen Frühling, wir brachen auf in die Berge, sie hatte diesen Ausflug längere Zeit geplant, doch nach unserer Ankunft wollte ich das Hotel kaum verlassen, während sie ständig neue Ausflugsziele vorschlug, und wir stritten uns fürchterlich.

Mir wurde klar, dass, obwohl sie mich nur einmal vorher hier besucht hatte, und ich beinahe jede Woche zu ihr fuhr, sie sich mehr auf mich eingelassen hatte, als ich mich auf sie. Johanna muss es damals schon gewusst haben.

Wir beschlossen, uns als nächstes an den Fluss zu setzen, die Sonne schien mittlerweile weniger heftig , nach einem kurzen Spaziergang fanden wir eine Bank direkt am Ufer und setzen uns, beide in unseren Gedanken versunken.

Ich erinnere mich, wie gekränkt ich damals war, als ich ihr sagte, ich wolle sie heiraten, und sie nur lachte und sagte, dass sich das nicht lohnen würde. Wie wütend mich mein Unverständnis machte, warum sie nicht zu mir ziehen wollte. Heute kann ich nicht mehr sagen, ob meine Reaktionen Liebe oder Stolz geschuldet waren.

Nach einer Zeit nahm sie meine Hand. Ganz behutsam und schüchtern, so als wäre ich ihre große Liebe.

Mich überkam eine solche Traurigkeit, dass ich augenblicklich zu weinen begann. Sie drückte meine Hand fester, ganz so, als fühlte sie meine Gefühle bevor ich es tat. Ich holte Luft, brach ab, atmete ein, wollte mich entschuldigen, sie unterbrach mich.

„Es ist nicht schlimm, dich trifft keine Schuld. Du konntest ja nichts wissen. Ich wollte nicht, dass du etwas weißt.“

Die Sonne war schon hinter den Bäumen versunken, ehe wir aufstanden und zum Bahnhof spazierten. Ich fragte sie „Wie lange noch?“ Sie sagte „Zwei Monate, maximal.“ Ihre Hand löste sich von meiner, und sie stieg in den Zug, der mich Jahrelang zu ihr transportiert hatte, drehte sich um, lächelte und sagte vom zischen der Türen fast übertönt:

„Ich warte auf dich!“

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